QuadrigaCX — die Geschichte, die fast alle falsch erzählen

Als der Gründer der kanadischen Kryptobörse QuadrigaCX Ende 2018 starb, hieß es, mit ihm sei der Zugang zu den Kundengeldern verschwunden. Die Untersuchung der Ontario Securities Commission kam zu einem anderen Ergebnis: Der Fehlbetrag von 169 Millionen kanadischen Dollar entstand ganz überwiegend durch Betrug zu Lebzeiten, nicht durch verlorene Schlüssel.

6 MinutenZuletzt geprüft: 14.09.2026Gilt in DE · AT · CHIch bin neugierig

Häufige Fragen

Was ist passiert?

Am 14. Januar 2019 teilte die kanadische Kryptobörse QuadrigaCX mit, ihr Gründer und Geschäftsführer Gerald Cotten sei im Dezember zuvor in Indien gestorben. Bis zum 5. Februar hatte die Plattform den Betrieb eingestellt und Gläubigerschutz beantragt. Über 76.000 Kundinnen und Kunden standen Vermögenswerte von zusammen 215 Millionen kanadischen Dollar zu. Der Insolvenzverwalter konnte davon 46 Millionen auffinden oder sichern. Der Verlust betrug damit mindestens 169 Millionen kanadische Dollar. Die Erzählung, die sich daraus verbreitete, war einfach und einprägsam: Der einzige Mensch mit den Schlüsseln zu den Cold Wallets war tot, und damit war das Geld weg.

Warum stimmt diese Erzählung nicht?

Weil die zuständige Aufsichtsbehörde sie geprüft und verworfen hat. Die Ontario Securities Commission untersuchte den Fall rund zehn Monate lang und schreibt in ihrem Bericht ausdrücklich: Es sei weithin vermutet worden, der Großteil der Verluste sei entstanden, weil Kryptowerte infolge von Cottens Tod verloren oder unzugänglich geworden seien. „In our assessment, this was not the case." Die Behörde führt den Fehlbetrag stattdessen ganz überwiegend auf Betrug zurück. Rund 115 Millionen kanadische Dollar entstanden daraus, dass Cotten unter falschen Namen Konten anlegte, sich darin erfundene Guthaben gutschrieb und damit gegen ahnungslose Kunden handelte — die realen Verluste daraus deckte er mit den Einzahlungen anderer Kunden. Die OSC nennt das, was daraus wurde, beim Namen: „In effect, this meant that Quadriga operated like a Ponzi scheme." Weitere 28 Millionen verlor er beim nicht autorisierten Handel mit Kundenvermögen auf drei fremden Plattformen. Der Satz, der den Fall zusammenfasst, steht ebenfalls im Bericht: „What happened at Quadriga was an old-fashioned fraud wrapped in modern technology."

Warum steht die Geschichte dann trotzdem hier?

Weil sie beides ist — eine falsch erzählte Geschichte und ein echter Fall von fehlender Nachfolgeregelung. Man muss beides auseinanderhalten, um aus keinem von beiden die falsche Lehre zu ziehen. Der Betrug erklärt, wohin das Geld verschwand. Er erklärt nicht, warum niemand es merkte. Dafür nennt die OSC einen zweiten Befund, und der ist für dieses Thema der interessantere: Ab 2016 hatte Cotten „sole control" über ein Unternehmen mit Hunderttausenden Kunden, über das mehr als eine Milliarde Dollar in Landeswährung und über fünf Millionen Krypto-Einheiten liefen. Es gab keine ordentliche interne Aufsicht, keine Kontrollen und keine ordentliche Buchführung. Genau das ist das Nachlassproblem in seiner größten denkbaren Form: Eine ganze Organisation hing am Wissen und am Zugang eines einzelnen Menschen. Dass in diesem Fall das Geld schon vorher weg war, ändert nichts daran, dass es niemanden gab, der hätte nachsehen können.

Was ist mit den Verschwörungserzählungen um den Fall?

Um Cottens Tod ranken sich zahlreiche Vermutungen. Sie gehören nicht hierher: Dieser Beitrag stützt sich auf den Bericht der Ontario Securities Commission und das Insolvenzverfahren, und was dort nicht belegt ist, steht hier nicht. Auch der Bericht selbst ist vorsichtig formuliert und sagt das über sich: Seine Befunde sind die Einschätzung der Behördenmitarbeiter und wurden nicht vor einem Gericht oder einem Spruchkörper der OSC geprüft.

Was hätte gereicht?

Für die Kundinnen und Kunden: nichts, was sie selbst hätten tun können — außer die Vermögenswerte nicht bei einer unregulierten Plattform zu belassen. Die OSC hält fest, dass Quadriga sich bei keiner Wertpapieraufsicht registriert hatte und dass genau dieses Fehlen der Registrierung den Betrug über Jahre ermöglichte. Für die Organisation: eine zweite Person mit Zugang, oder ein Verfahren, das nicht an einem Kopf hängt. Beides ist bei Kryptowerten technisch gelöst — eine Mehrfachsignatur etwa verlangt zwei von drei Schlüsseln, sodass zu Lebzeiten niemand allein herankommt und im Ernstfall zwei genügen.

Und wie steht ein Anbieter wie finilog dazu?

Ehrlicherweise so: Dieses Problem verschwindet bei uns nicht, es verschiebt sich. Auch hier hängt alles am Tresor-Passwort der Nutzerin oder des Nutzers — das ist der Preis dafür, dass wir die Inhalte selbst nicht lesen können. Wer das Passwort verliert und sonst nichts hinterlegt hat, steht vor demselben Nichts. Der Unterschied liegt darin, dass es einen zweiten Weg gibt, der bewusst außerhalb eines einzelnen Kopfes liegt: das gedruckte Recovery Kit und der Papierweg für Angehörige. Das ist keine Aufhebung des Problems, sondern seine Entschärfung — und das offen zu sagen, scheint uns die bessere Auskunft als ein Versprechen, das der Fall Quadriga gerade widerlegt hat.